KARRIERE 4.0

19.04.2017 14:58
von Ulla Wiegand

About: "Die Irrlehre vom empathischen Chef"

Die Wirtschaftswoche titelt „Die Irrlehre vom empathischen Chef“, Untertitel „Führen statt fühlen“. Zunächst finde ich bemerkenswert, dass es ein sogenanntes Soft Skill Thema auf die Titelseite einer Wirtschaftszeitung schafft.

Als personzentrierte Leadership-Coach, für die Emapthie eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Führung ist, war ich natürlich auf den Artikel gespannt. Erstes Fazit: der Artikel ist lange nicht so reißerisch, wie es die Überschrift glauben machen will. Alter Zeitungstrick. Und er hat in Teilen Recht.

Drei Einwände habe ich dennoch:


Falsches Verständnis von Empathie

Was mich immer wieder erstaunt, ist die landläufige Vorstellung von Empathie. Empathie wird im Allgemeinen mit Mitleiden, mit Kuschelatmosphäre, mit Harmoniesucht übersetzt.

So aber war Empathie von Carl Rogers, der diese Eigenschaft als erstes in einen beruflichen Zusammenhang gebracht hat, nie gemeint. In der Auffassung von Carl Rogers bedeutet empathisch sein, den inneren Bezugsrahmen, also die Gefühle, Bewertungen, Gedanken des Anderen möglichst exakt wahrzunehmen gerade so, als ob man diese Person wäre, jedoch ohne jemals diese Person zu sein. Verliert man die „als-ob“-Position, verliert man die zur Handlungsfähigkeit notwendige Distanz. Empathie ist also einfühlendes Verstehen und nicht Mitleiden. Und Empathie hat immer Beides: Nachfühlen und Verstehen - Emotion und Ratio.

Dies gilt genauso für berufliche Zusammenhänge. Als Führungskraft bin ich zu allererst dem Wohl des Unternehmens verpflichtet und dazu gehören auch unangenehme Entscheidungen, schwierige Mitarbeitergespräche, Äußerung von Kritik.

Als empathische Führungskraft überlege ich mir vorher, wie es meinem Gegenüber damit gehen wird und überlege Möglichkeiten für einen sinnvollen Konsens. Wenn dies nicht möglich ist, gestalte ich als empathische Führungskraft meine Kommunikation so, dass der Mitarbeiter meine Entscheidung und die Grenzen, die ich setze, verstehen und nachvollziehen kann.


Auf die richtige Dosis Empathie kommt es an?

Nein. Man kann nicht ein bisschen empathisch sein, genauso wenig wie man ein bisschen schwanger sein kann. Empathie ist eine Haltung, kein Tool. Empathisch sein als Haltung bedeutet eine grundsätzliche und bewusste Haltung des Respekts, der Offenheit und Zugewandtheit gegenüber dem Kollegen, Mitarbeiter, Kunden. Und sie bedeutet Kommunikation auf Augenhöhe.

Was kann Empathie? Empathie kann konstruktive Kommunikation, sie kann produktive Lösung, sie kann Motivation und Loyalität, weil Mitarbeiter sich als Individuum und nicht nur als Human Kapital behandelt fühlen. Empathie ist jedoch kein Heilsbringer, kein automatischer Problemlöser und sie ist nicht esoterisch. Empathie bedarf einer Haltung, die bewusst erworben werden und gepflegt werden will. Insofern bedarf Empathie gute Selbstführung seitens der Führungskraft.


Führen statt Fühlen

Der im Artikel konstruierte Gegensatz zwischen Führen und Fühlen ist Nonsens. Weder das künstliche Ausblenden der noch das Überschwemmt von Gefühlen ist hilfreich. Was es braucht ist eine Führungskraft, die klar unternehmerische Entscheidungen zum Wohle des Unternehmens treffen kann und gleichzeitig die Sensibilität hat, zu wissen, was diese Entscheidung für den Einzelnen bedeutet und wie diese daher zu kommunizieren ist.

Gerade im Hinblick auf die kommenden Generationen wird eine Führungskraft beides können müssen „führen und fühlen“ oder sie wird nicht führen.

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